Andere Frauen. Der erste, bisher unbekannte Lesbenfilm—aus Österreich

„Geheimsache: Leben“. Katalog der gleichnamigen Ausstellung. Löcker Verlag, Wien 2005

 

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Der Grund dafür, dass der Film Andere Frauen aus dem Jahr 1928 bisher völlig unbekannt war, liegt darin, dass keine Kopie erhalten sein dürfte, und die österreichische Filmproduktion der zwanziger Jahre generell und der Regisseur des Films, Heinz Hanus, zu keiner Zeit künstlerisches Interesse erweckten. Die Dreharbeiten zu dem Film, der von der Otto-Spitzer-Film produziert wurde, begann bereits Ende 1927. Gedreht wurde in den Listo-Ateliers in der Gumpendorferstraße. Obwohl der Film erst am 23. November 1928 ins Kino kam, fand die Pressevorführung bereits am 12. April statt. Vermutlich diente sie als Test.

Die Angaben, die zwei österreichische Filmfachblätter zu dem Film liefern, weichen leicht von einander ab. „Das Kino-Journal“ berichtete am 14. April 1928, dass Andere Frauen „von der Liebe wider die Natur handelt.“ In dem Artikel wird der Drehbuchautor Franz Pollak erwähnt, aber nicht der Roman Das entfesselte Wien von Hugo Bettauer, der 1924 erschienen war und als Vorlage diente. Den Hinweis auf Bettauer geben „Paimann’s Filmlisten“, die am 20. April folgende Inhaltsangabe lieferten:

„Der Attaché einer nicht mehr bestehenden Regierung der Ukraine heiratet eine reiche Russin, die dadurch aber nur in die Gesellschaft Eingang finden will, während sie die widernatürliche Neigung zu ihrer Freundin hindert, wirklich seine Frau zu sein. Ihre Tochter verliebt sich in den Stiefvater, Familiendrama. Mutter und ihre Freundin ermordet, was Happy End für ihren Mann und Tochter freimacht.“

Im „Kino-Journal“ stellt sich die Geschichte etwas anders dar: „Sonja Gordon, eine exzentrische schöne Frau und Mutter einer reizenden Tochter, lebt in intimster Freundschaft mit Magda, deren Schönheit sie fesselt. Sonja Gordon, die eher Veranlagung zu einer gefeierten Kurtisane als zur Mutter hat, will ihre Tochter an den unsympathischen Sascha Radim verheiraten, der bei der russischen Regierung ein Machtwort hat, um ihre verschuldeten Güter in Russland wieder ankaufen zu können.“ Sonja heiratet aus gesellschaftlichen Gründen Paul, einen stark verschuldeten Wiener Lebemann, in den sich ihre Tochter verliebt. Sonja besitzt einen Brief von Radim, in dem er sich bereit erklärt, sein Vaterland zu verraten. Da sie ihm den Brief nicht aushändigen will, tötet er sie und Magda. Die Tochter und der Stiefvater werden ein Paar.

In einem weicht der Film wesentlich von dem Roman ab: Bettauer stellte mit Paul Mautner (im Film Paul Glinsky) einen Mann in den Mittelpunkt der Handlung, wogegen im Film Sonja Gordon die Hauptfigur ist. Den Grund dafür macht der Filmtitel deutlich: es wurde mit dem Thema Homosexualität spekuliert. Die Wendung „andere Frauen“ kommt zwar bei Bettauer vor, sollte aber im Titel zweifellos an den ersten Schwulenfilm Anders als die anderen von 1919 erinnern, der großes Aufsehen erregt hatte. Mit der Pressevorführung im April sollte wohl die „Verträglichkeit“ des Themas getestet werden. Dass die Hersteller bei ihren Spekulationen letztlich der Mut verließ, zeigt sich daran, dass sie dem Film im letzten Moment den ebenfalls spekulativen, aber weniger riskanten Titel Schwüle Stunden verpassten.

Bettauer, der in Wien, New York und Berlin als Journalist gearbeitet hatte, schrieb mehrere Wien-Romane, in denen er die Libertinage und die sozialen Umbrüche während der „Inflationszeit“ so aufklärerisch wie reißerisch darstellte. Mit Die Stadt ohne Juden nahm er 1922 den Austrofaschismus und Antisemitismus aufs Korn. Der Roman Die freudlose Gasse wurde 1925 mit Greta Garbo verfilmt. Im gleichen Jahr wurde Bettauer von einem fanatisierten Nationalsozialisten erschossen.

Obwohl Bettauer in seinen Romanen und besonders in den Zeitschriften, die er herausgab, für die sexuelle Befreiung vor allem der Frauen und gegen eine „verschimmelte Spießermoral“ auftrat, stellt er in Das entfesselte Wien die beiden lesbischen Frauen als pervers („lauter Schweinereien“) und verdorben dar. Bei Sonja sind „sexuelle Abgründe“ zu ahnen, und Magda erscheint als das „Symbol des Lasters“. Homosexuelle Männer wurden in dem Film von 1919 und in jenen der nächsten fünfzig Jahre fast immer als Leidende mit passiv „weiblichen“ Zügen dargestellt. In aufgeklärten Kreisen konnten sie mit Verständnis und Mitleid rechnen. Das umso mehr, als sie als „Das dritte Geschlecht“ und als „Anders als Du und Ich“ – so der österreichische und deutsche Titel eines Films von 1957 – die Heterowelt nur am Rande tangierten. Anders die lesbischen Frauen, die bei Bettauer als souveräne, starke und finanziell unabhängige Frauen die gesellschaftliche Domäne der Männer infrage stellen und besonders durch ihren Verzicht auf sie Irritation und Aversion hervorrufen.

Da der Film die beiden Frauen in den Mittelpunkt rückte, scheinen sie auch weniger negativ gezeichnet zu sein. Das geschah aber nicht als bewusste Korrektur zu Bettauer, sondern weil es den Herstellern einerseits an Mut, dem Filmtitel inhaltlich gerecht zu werden, und andererseits an künstlerischem Vermögen fehlte. „Paimann’s Filmlisten“ schrieben: „Die Regie ist dem Stoffe viel schuldig geblieben. Sie bringt, wohl in der anerkennenswerten Absicht die Grenzen der gebotenen Delikatesse nicht zu überschreiten, nur unzureichende Andeutungen und ist auch im Tempo etwas zu langsam.“ Das „Kino-Journal“ berichtete etwas wohlwollender: „Frauen, die ‚anders’ sind, sollte eigentlich der Titel dieses Filmes heißen, der von der Liebe wider die Natur handelt. Ein bis jetzt selten vorkommendes Sujet, das aber durch die Bearbeitung von Franz Pollak ein interessantes und apartes Thema geworden ist. Dieser Film bietet dem Zuschauer Luxus und Schönheit, doch anderseits wieder so viel seelisches Elend, wie man es am wenigsten in solchen Kreisen, in denen sich der Film entwickelt, vermutet.“

Lesbische Liebe war bis dahin im Film nicht selten, sondern überhaupt nicht vorgekommen. Im gleichen Jahr wie Andere Frauen erschien die Verfilmung der beiden Lulu-Dramen von Franz Wedekind unter dem Titel Die Büchse der Pandora. Im Film wie im Drama gibt es die lesbische Gräfin Geschwitz, die Lulu hilft, wenn diese in Bedrängnis ist. Obwohl sie eine Nebenfigur bleibt, ist sie im Stück wie im  Film von Bedeutung, da sie unter Lulus Verehrern die einzige positiv gezeichnete Figur ist.

Die bei Bettauer höchst negativ charakterisierten Lesben stehen im Film im Mittelpunkt der Handlung, weshalb Andere Frauen als der erste Lesbenfilm der Filmgeschichte bezeichnet werden kann.

Die Darsteller sind heute weitgehend unbekannt, welche Rolle sie jeweils spielten, wurde nicht angegeben. Die italienische Schauspielerin Rina de Liguoro (auf den Fotos rechts) spielte vermutlich Sonja Gordon; in diesem Fall wurde Magda von der Wienerin Vivian Gibson (links) verkörpert. Oskar Beregi könnte den Paul Glinsky dargestellt haben. Weitere lokale Akteure waren Mary Kid, Mizzi Griebl und Hans Peppler.

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Der Regisseur Heinz Hanus (eigentlich Hanusch) war seit den Anfängen des Films als Darsteller und Regisseur tätig. 1934 wurde er Geschäftsführer der österreichischen Gewerkschaft der Filmschaffenden. Im Jahr darauf wurde er heimlich und illegal Mitglied der NSDAP. In der Gewerkschaft hatte er Zugriff auf vertrauliche Angaben zu allen Filmschaffenden, vor allem was ihr „Religionsbekenntnis“ betraf. Als in deutschen Nazi-Zeitungen 1935 Hetzartikel gegen die Verjudung der österreichischen Filmindustrie erschienen und jüdische Filmschaffende namentlich genannt wurden, stellten Wiener Tageszeitungen die Frage, wer der Nazi-Spitzel bei der Gewerkschaft sei. Verschiedene Gewerkschafter wurden verdächtigt; dass der Geschäftsführer selbst Mitglied der illegalen Nazibewegung war, wagte niemand zu denken. Die Regierung Schuschnigg untersagte der Gewerkschaft die Weitergabe vertraulicher Angaben. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurden die schwarzen Listen der Gestapo übergeben. Mehrere hundert Filmschaffende jüdischer Konfession (selbst Statisten) wurden deportiert und im KZ ermordet. Ob die Denunziation auch Homosexuelle betraf, ist nicht bekannt. Hanus machte Karriere: er wurde zum Leiter der Außenstelle der Reichsfilmkammer ernannt. Nach dem Krieg wurden seine illegale Parteimitgliedschaft und seine verräterische Tätigkeit durch Joseph Wulf in seinem Buch Theater und Film im Dritten Reich mittels eines in den Akten des Reichs-Propagandaministeriums in Berlin entdeckten Briefes von 1935 dokumentiert (1966; S. 438). Die offiziöse österreichische Filmgeschichtsschreibung hüllte sich dazu ebenso in Schweigen wie der österreichische Staat. Es war ja auch zu peinlich, hatte der Bundespräsident gerade erst 1960 Hanus den Professorentitel verliehen.

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