Salut, Godard

Ö 1, Synchron Juli 1984

Je vous salue, Marie hat den rhetorischen Fluss einer Predigt, die packt, auch wenn sie Widerspruch erweckt. Dabei ist Godards filmische Sprache gar nicht so neu. Man kennt seine assoziativen Erzählsprünge, seine philosophischen Einschübe und sein trockenes protestantisches Pathos, das gerade hier, bei dieser modernen, ins heute transportierten Marienerzählung besondere Blüten treibt.

Für Godard spielte die Musik schon immer eine wichtige Rolle, in seinen letzten Filmen mehr denn je. Nicht nur verwendet er wie üblich klassische Musik, er setzt auch die Montage der Einstellungen musikalisch ein, indem er z.B. bestimmte Bilder leitmotivisch wiederkehren lässt. Auch die Kombination von Bild und Ton und der Wechsel von Musik, Geräuschen und Dialogen ist in ihrer Verschachtelung musikalisch geformt.

Die Geschichte des Films ist bekannt und in ihren wesentlichen Zügen der Bibel getreu, selbst wenn bei Godard Maria zum Gynäkologen geht, Josef kein Zimmermann, sondern ein Taxifahrer ist und Gabriel nicht mit Engelsschwingen, sondern mit einem Flugzeug ankommt. Aber gerade diese moderne Umsetzung biblischer Mythen erschwert das Verständnis. Denn was soll eine jungfräuliche Geburt heute bedeuten, was soll ein Mann mit einer Frau anfangen, die er nicht anrühren darf?

Die Themen, um die Godards Film kreist, sind eine alte, um nicht zu sagen klassische Trias: Glaube, Liebe, Hoffnung. Woran glaubt Godard? Die Antwort mag in diesem Zusammenhang zunächst wie ein Scherz klingen, ist aber von ihm erwartbar. Sie lautet: Er glaube an das Kino. Wenn man hört, dass das Kino für ihn das Unglaubliche ist, so versteht man, dass das Kino als eine freie Entfaltung des Geistes einer Geburt gleich kommt. Er meint auch, dass es kein Zufall ist, dass die Projektionsfläche weiß ist.

Die Leinwand, sagt er, das bin ich. Dementsprechend steht die Hoffnung für das Schöpferische, das Werden und Wollen.

Die Jungfräulichkeit Marias und das Weiß der Leinwand sind Metaphern für die Freiheit, etwas aus sich selbst entstehen zu lassen, ohne Determinierung, nur aus der Logik der Dinge selbst.

Nur eine Voraussetzung gibt es für dieses Werden, das ist die Liebe. Bei Godard hört sich das so an: Kino ist die Liebe zu sich selbst, Liebe zum Leben, Liebe zu den Menschen auf der Erde. Und er hat recht, wenn er weiters sagt: Irgendwie hört sich das sehr nach Evangelium an.

In dem dreißigminütigen Vorfilm, der von Godards Mitarbeiterin und Lebensgefährtin Anne Marie Mièville stammt, wird die jugendliche Marie von ihrer Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass man aus den Buchstaben ihres Namens das Wort aimer bilden kann, das heißt: lieben.

Godard selbst weist darauf hin, dass die männlichen Hauptfiguren seines Marienfilms wie seines vorangegangenen Carmen-Films identisch sind. Beide heißen Josef. Sie begegnen zwei ganz gegensätzlichen Frauen: Carmen verkörpert die sinnliche, körperliche Liebe, Maria die geistige. Mehrmals ist in Je vous salue, Marie davon die Rede, dass es nicht heißen soll, dass der Körper eine Seele hat, sondern die Seele einen Körper. Die Seele liebt, der Körper ist ihr Ausdrucksmittel. Godard schickt den Körper daher auch nicht in die Verbannung, er zeigt Marias Körper ausgiebig nackt, aber er verlangt, ihn mit anderen Augen zu sehen – gleichsam keusch. In einer Schlüsselszene des Films steht Marie nackt vor Josef, der ihren Bauch mit der Hand berühren will. Sie verwehrt es ihm. Liebe soll nicht sein ein Ergreifen und Besitzenwollen, sondern ein Loslassen. Lieben bedeutet die Freiheit des anderen.

Diese Übung in demütigem Hinschauen ist gerade bei Katholiken und politisch Rechten in Frankreich missglückt. Sie warfen dem Film Blasphemie vor und setzten Aktionen gegen seine Vorführung, meist ohne den Film überhaupt gesehen zu haben.

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