Einträchtige Zwietracht* (Ertrinken nach Nummern)

Feature für Ö 1, Synchron, 26.1.1989
(überarbeitete Version 2013)

Peter Greenaways Drowning by Numbers (1988) macht eine ernste Sache, nämlich das Ertrinken oder Ersäufen von Menschen, zu einer bunten Anhäufung von Spielen, die mit kindlichem Ernst betrieben werden. Der Film beginnt damit, dass ein Mädchen schnurspringend die Namen von Sternen am Himmel von eins bis hundert aufzählt. Die imaginäre Ordnung am Himmel setzt sich auf Erden den ganzen Film hindurch fort. Wie zufällig, an allen möglichen Gegenständen angebracht, werden die Zahlen fortlaufend immer wieder ins Bild gerückt.

Der so spielerischen wie sinnlosen Bezifferung der Welt wird eine Verdreifachung zugeordnet, die in ihrer unheiligen Dreifaltigkeit eine grundsätzliche Bedeutung bekommt. Eine Frau, ihre Tochter und die erwachsene Enkelin heißen alle Cissie und alle drei bringen ihre Männer um. Den Anfang macht die Älteste, als sie ihren auch sonst untreuen Ehegatten in flagranti ertappt und ihn mit kühler Beiläufigkeit in einem Badezuber ertränkt. Ein bemerkenswert unfreundliches Ende der bukolisch barocken Badefreuden des selig betrunkenen Alten. Mit den Argumenten einer Farce wird das forcierte Ende des Ehemannes der Tochter plausibel gemacht: er ist nicht nur fett und grantig, sondern offenbar auch im Bett ein Versager. Grund genug, dass ein Bad im Meer ihn aus dem Weg räumt. Und weil sie schon dabei sind, schließt sich auch die Jüngste dem mörderischen Reigen an und lässt ihren Freund im Schwimmbassin ertrinken.

Die Frage, warum sich die drei Frauen von ihren Männern nicht einfach scheiden ließen, ist müßig, denn offensichtlich sollen bei Greenaway – wie auch schon in Der Bauch des Architekten – in dem Spiel, das er anrichtet, die Männer die Verlierer sein. Das geht so weit, dass sich auch das jüngste männliche Mitglied der Familie und von allen der eifrigste Spieler durch ein Spiel mit dem Namen Selbstmord selbst eliminiert.

Während der Junge noch am Baum baumelt, rudern die Cissies mit dem noch verbliebenen Verehrer von allen dreien aufs nächtliche Gewässer hinaus. Während das Boot mit der Nummer 100 mitsamt dem in sein Schicksal ergebenen Todeskandidaten sinkt, suchen die drei Frauen schwimmend das Weite.

Greenaways Film ist ein manieristisches Spiel mit Möglichkeiten, wobei – wie der Titel deutlich macht – die Manier, also die Art und Weise des Spiels, das Ergebnis bereits in sich birgt. Nicht zufällig war Greenaways erster Spielfilm, Der Kontrakt des Zeichners, eine Art Kriminalfilm, ein Genre, bei dem die Verrätselung des Falles wesentlicher ist als die Lösung. Lösung bietet Greenaway ohnehin keine. Selbst das Rätsel, das er aufgibt, verdunkelt er noch durch jene manieristischen Systeme, die er vordergründig anbietet. Die zeitliche Abfolge, in der Menschen und Dinge, gleichsam nummeriert, auftreten, wird zu einer metaphysischen Einheit, die nicht einer natürlichen Ordnung und auch nicht dem artistischen Virtuosentum, das Greenaway reichlich besitzt, sondern einer inneren Vorstellung von Leben und Tod entspricht. Der Tod ist jener der Männer.

Spiele, sagt Greenaway, stehen für Wettkampf, Rivalität, Erfolg und Scheitern. Für den Leichenbeschauer, er ist der Todeskandidat am Ende des Films, ist alle menschliche Aktivität dem Spieltrieb unterworfen, einschließlich Sex und Tod. Er verwechselt allerdings menschlich mit männlich, denn es sind die Männer, die ihre Spiele genießen und geradezu süchtig danach sind. Nicht so die Frauen.

Bei einem der Spiele wird von Kriegern gesprochen. Das ist nur konsequent, denn mit den Spielen, so absurd sie auch erscheinen mögen, wird ein Wissen erworben und eine Ordnung geschaffen, die Herrschaft über die Natur und damit Macht verleiht. Gerade die sind die Männer bei Greenaway dabei zu verlieren. Sieger sind die Frauen, weil sie praktisch vorgehen und sich auf das System der Männer nicht einlassen. Ihr Element ist das Wasser. Sie haben keine Fundamente und bewegen sich daher fort, während die Männer untergehen. Ihre Macht liegt im Fortsetzen des Lebens durch Geburt.

In Greenaways The Belly of an Architect, ein Jahr vor Drowning by Numbers entstanden, bereitet ein amerikanischer Architekt in Rom eine Ausstellung über den großen Architekten der Aufklärung Etienne-Louis Boullée vor. Der deutsche Titel, Der Bauch des Architekten, unterschlägt, dass Greenaway nicht von „dem“, sondern von „einem“ Architekten spricht, er ihn zur Spezies der Weltbaumeister, Weltbezifferer und Weltensammler rechnet, die auch Weltbeherrscher sein wollen, aber ganz banal am Leben scheitern. So ergeht es dem Architekten wie seinem Vorbild Boullée, er scheitert und stirbt.

Die Frau des Architekten ist schwanger. Während in ihrem runden Bauch das Leben wächst, breitet sich in der Boullée’schen Kuppel, der perfekten Form der Ratio, die der Architekt als mächtigen Bauch mit sich trägt, im gleichen Zeitraum der Krebs aus. Er hätte gerne einen Bauch von der ehernen Härte, die der Bauch der Statue des Augustus besitzt, doch der Schmerz in seinem Bauch zeigt nur zu deutlich, dass die Oberfläche trügt. Hier bricht Greenaway die Einheit von organischer Natur und ideeller Vorstellung auf, zeigt das manieristische Spiel seine abgründige Seite. Die Frau wendet sich von dem Mann ab und verlässt ihn.

Wenn vom Manierismus in Greenaways Filmen die Rede ist, müssen auch zwei verwandte Filme erwähnt werden, die mit Sascha Vierny den gleichen Kameramann haben. Der aus Chile stammende Regisseur Raul Ruiz nimmt in seinem Film L’hypothèse du tableau volé mit der Idee, aus mehreren Gemälden eine Geschichte herauszulesen, Greenaways The Draughtman’s Contract um drei Jahre vorweg.

Das wahre Vorbild für Greenaway ist allerdings L’année dernière à Marienbad von Alain Resnais und Alain Robbe-Grillet aus dem Jahr 1961. Zu den vielen formalen Übereinstimmungen gehören:
Eine vollkommene Künstlichkeit.
Die Liebe zur Symmetrie, die sich in Marienbad in der klassizistischen Architektur des Hotels, in dem sich die Handlung abspielt, ausdrückt.
Ein lustvolles Eintauchen in Labyrinthe, die räumlich und zeitlich angelegt sind.
Der Tableau-Charakter der Bilder, die statuarischen Menschen, an denen die Kamera vorbeigleitet, was aussieht, als glitten starre Figuren wie auf einer Spieluhr vorbei.
Die Brüchigkeit der großen Ordnungsentwürfe.
Eine Vorliebe für Spiele, bei denen es um Leben und Tod gehen kann.
Der spielerische Wechsel von Musik und Sprache und ein dadurch erzeugtes Pathos.
Beziehungslosigkeit. Fremdheit. Leere.

Was die Filme von Resnais und Greenaway unterscheidet, ist eine den rund 25 Jahren dazwischen geschuldete Veränderung der Rollen von Mann und Frau. In Marienbad vollzieht sich die Geschichte von Orpheus und Eurydike auf klassische Weise. Die Frau ist in ihrem Leben wie in einem Traum erstarrt, dekorativ tot, während der Mann, wie von außen kommend, bei ihr die Erinnerung an ein früheres Leben wecken will. Die Vergangenheit muss dem Vergessen entrissen werden, erst dann gelingt der Schritt zurück ins Leben. Der Mann ist die treibende Kraft, die Frau ist ängstlich und verweigert sich, gibt aber nach. Wie das Leben außerhalb der künstlichen Unterwelt, die eine gesellschaftliche Oberwelt (mit Coco Chanel-Kostümen) ist, aussieht, bleibt in jenem Dunkel verborgen, mit dem der Film endet.

Auch bei Greenaway ist die Kunstwelt hermetisch vom „richtigen“ Leben getrennt, dennoch hat es deren Klima verändert. Im Vergleich zu der Eurydike von Marienbad  fällt die Antwort der drei Cissies auf die Werbung des Leichenbeschauers, der ein abgetakelter Liebhaber, aber kein Sänger mehr ist, deutlich anders aus. Heute, noch einmal 25 Jahre später, sind beide Modelle gleich überholt, denn unterkühltes Opfer oder eiskalte Täterin, beide sind keine Alternativen mehr.

*Der Titel verdankt sich der Überschrift eines Aufsatzes von Werner Hofmann in Zauber der Medusa. Europäische Manierismen. Wien, 1987.

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