Miliz in der Früh

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16mm, 17 Min., Farbe, Ton.
Regie und Buch: Hans Scheugl. Kamera: Scheugl, Walter Funda, Hannes Zell. Mitarbeit: Ernst Schmidt jr., Peter Weibel, Gottfried Schlemmer. Darsteller: Anka Zilavsky, Brigitte Stefan, Hans Scheugl, Peter Weibel.
UA: 26.1.1967 Palais Palffy, Wien

Digital restauriert 2015.

 

Der Film beschreibt  Gegensätze, die sich nicht ausschließen. Ein junger Mann soll getötet werden; er ist vielleicht schon tot oder er wird erst geboren. Er ist das ewige Opfer, denn die Vergangenheit streckt sich in die vergessliche Zukunft. Hitler und Stalin frankieren den Auftrag ihn zu töten, den eine hübsche Rothaarige erhält. Er ist aber auch der Täter, der seine coole Freundin wie ein Pulp Ficition Marlon Brando auf dem Motorrad begleitet. Auch die  rothaarige Schöne ist zwiegespalten. Sie fesselt sich selbst, als wäre Gewalt nur ein erotisches Spiel.  Die Stadt brennt während sie schläft und von ihrer dunklen Vergangenheit träumt.  Die flanierende Killerin ist die  kleinbürgerliche Bewohnerin des stickigen „Österreich-Zimmers“ (© Peter Weibel), wo alles angefangen haben könnte. Der junge Mann kommt durch, denn er hat von nichts gewusst, ein anderer stirbt.
Weibel spielt die blutige Leiche im Keller und den Milizionär, der brutal in eine Villa von Josef Hoffmann einbricht, die 1966 noch immer verlassen und leer war, weil die Besitzer vor den Nazis nach Amerika geflohen und nicht zurückgekommen waren.
Miliz in der Früh ist ein Werbefilm für Terroristen im Anlauf zur Explosion von 1968: Bonnie&Clyde&Baader&Meinhof ante portas, entlarvt als kleinbürgerliche Spießer, die von der Freiheit träumen.
Die Gestalt, die die Entstehung von Miliz in der Früh begleitete, war Godard’s Pierrot le Fou, der seinen privaten Vietnamkrieg führte.

Hans Scheugl 2015

Miliz in der Früh, Scheugls erster und kaum bekannter Film von 1966, schwelgt in einer Fülle, die keinen Umweg über die Leere nimmt. Ein Arsenal an Formelementen und Montagepraktiken, die die Film-Avantgarde schätzt, wird ausgebreitet: die Trennung von Bild und Ton, der Kurzschnitt und sein Flickern, der künstlerische Eingriff in das Bild selbst, die Fragmentierung in narrative Partikel, die Übersetzung von Schrift in Bild, der nervöse urbane Blick, den nichts hält, die Farbe, die sich von ihren Gegenständen löst und zum Zeichen wird, ein System von Unterbrechungen und Verzweigungen, das lineare Zeit aus den Fugen hebt. Auch die Geschichte, zu der sich der Film zusammensetzt, hat die klassische Dramaturgie längst verabschiedet.

Sie sammelt Beobachtungen von den Rändern der Stadt, zeigt Neugierde für Gesichter und Alltagsgeschehen, streut Plotelemente der Intrige ein und wildert in der Populärkultur. Aus Scheugl spricht in Miliz in der Früh nicht ein hehrer Dogmatiker der Form oder des Materials, vielmehr ein Zeitspieler, dem Film ein Reservoir der Durchkreuzungen und Erkundungen ist.

Elisabeth Büttner: Poetik der Fülle. Wegmarken zu Hans Scheugl und seinem Film Miliz in der Früh. In: Hans Scheugl. Die Fotografien des Filmemachers. Katalog. Wien-Museum 2012

Verleih: sixpackfilm, Wien (DCP).

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