Homeless New York 1990

1990/2013
Recut des 16mm-Films Black/White.
17 1/2 Min.6 8DCP.

Regie, Produktion, Schnitt: Hans Scheugl
Kamera: Jeff Hirschhorn
Ton: Thomas Szabolcz
Musik: Ulf Langheinrich

Homeless New York 1990 ist ein Recut der beiden zusammengehörigen 16mm-Filme Black / White von 1990 in digitalisierter Form.

Homeless thematisiert die in den 80er Jahren in den amerikanischen Städten – und da vor allem in New York – sichtbar gewordene Armut, die damals noch vorwiegend die farbige Bevölkerung betraf. Die Zerschlagung sozialer Einrichtungen nach dem Diktat des Neoliberalismus setzte Obdachlosigkeit, Drogenhandel und Kriminalität in bedrohlichen Ausmaßen frei und verlangte andere Antworten als Abgrenzen aus Angst und Wegschauen aus Hilflosigkeit.
In Europa war Armut kaum sichtbar und trat nur als statistische Einkommensgrenze in Erscheinung. Dass selbst in der Schweiz eine große Zahl von Menschen unter der Armutsgrenze lebte, war nur schwer vorstellbar. Und dass die UNESCO 2013 den Deutschen vorrechnen würde, dass über eine Million ihrer Kinder und Jugendlichen in Armut lebt, war noch undenkbar. Armut ist nicht nur durch die Flüchtlinge, die nach Europa drängen, inzwischen ein permanentes Thema geworden, sondern auch als strukturelles Versagen im eigenen Land.
Der Ex-Präsident der Caritas, Franz Küberl, gab in einem Fernseh-Interview (31.10.2013) auf die Frage, wie in einem reichen Land wie Österreich Armut entstehen kann, eine einfache Antwort:
Politiker haben vor den Reichen mehr Angst als vor den Armen.
Armut und Wohlstand machen sich fest, sagte er, an einem Einkommen, leistbarem Wohnen, Bildung und Gesundheit. In den USA wurden vor 30 Jahren diese Faktoren für die soziale Gemeinschaft außer Kraft gesetzt, insofern Anspruch und Recht auf sie weniger kongruent wurden denn je.

Die Bürgermeister von New York Rudolph Giuliani und der Milliardär Bloomberg haben New York wieder sicher gemacht. Von Armut ist – zumindest in Manhattan – nicht mehr so viel zu sehen, die Kriminalität ist eingedämmt; Harlem, im Film noch als Dritte Welt bezeichnet, ist durch Gentrifizierung ein begehrter Marktplatz geworden. Die Armut ist aus dem Blickpunkt geraten, abgedrängt, umzäunt, aber größer denn je. Schon 1990 war klar, dass das Zerbrechen des sozialen Zusammenhalts keine Rassen- und sonstige Grenzen kennt. Darauf bezieht sich das White in dem Filmtitel von 1990 und die Schlussszene im Film. Homeless, in seiner damaligen und heutigen gestrafften Fassung, ist der Versuch, einer Entwicklung, die auf uns zukommt, ins Gesicht zu sehen. Deshalb gilt nach wie vor, was ich 1990 dazu schrieb:
Black/White
ist eine Film über die Sprachlosigkeit und das Verschweigen. Die Armut, dargestellt am Beispiel der Obdachlosen in New York, eine Dritte Welt auf dem Gehsteig, bedarf der Sprache, um ihr Ausgeschlossen-Sein, das sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit bis zur Nicht-Existenz reduziert, aufzuheben.

Hans Scheugl 2013

Der erste Obdachlose verlangt ein paar Dollar für seinen Auftritt vor der Kamera. Scheugl gibt sie ihm und erzählt davon zu diesen Bildern. Dadurch durchbricht er direkt ein dokumentarisches Tabu. Sein Obdachloser ist ein bezahlter Akteur geworden und Scheugl ein Beobachter, der in die Welt vor der Kamera eingreift.

Black/White ist ein Metafilm, der einen Kommentar liefert über das Machen von Dokumentarfilmen. Scheugls Hintergrund als formaler Filmemacher spielt in Black/White eine Rolle. In einer sehr langen Fahrt um den Tomkins Square Park, wo sich Obdachlose versammeln und aufhalten, geht es nicht um Individuen, und es spielt keine Rolle, wer sich nun eigentlich in der ‚soup line’ anstellt. Der Platz wird nur als Raum behandelt. Die durchgehende Bewegung sagt etwas über die Funktion des Platzes, was mehr ist als die bloße Information, dass sich hier Obdachlose aufhalten. Die Art, wie Menschen sich umeinander bewegen, hat ihre Entsprechung in der kreisenden, voyeuristischen Kamera. Der Ort wird fühlbar gemacht.

Diese nicht-dokumentarische Sichtweise ist auch sehr zutreffend bei einem Gespräch zwischen drei Schwarzen, die nicht, wie man es gewohnt ist, interviewt werden. Scheugl filmt wie zufällig ihr Gespräch, aber es ist auch nicht so, dass die Männer sich der Kamera nicht bewusst wären. Sie reden über das Schlafen in den U-Bahnen und in den ‚shelters’, den Obdachlosenheimen, die wegen der Aggression, die dort herrscht, lebensgefährlich sind. Ihr Körperausdruck sagt mehr als die Geschichten, die sie erzählen. Gerade durch das Vermeiden der Interview-Form entsteht ein Reichtum an sekundärer Information.

Auf der einen Seite kommen einem diese Bilder sehr vertraut vor aus anderen Reportagen: es ist die bekannte Geschichte von der Armut im reichen Amerika. Aber dadurch, dass Scheugl diese Bilder auf eine formale Weise bringt, unterscheidet er sie von dem, was wir gewohnt sind, wird sein Film ausgesprochen persönlich.

Gertjan Zuilhof: Neues Leben in einer alten Disziplin, in: Skrien, Okt.-Nov. 1993, Amsterdam.
(Gekürzte und aus dem Niederländischen übersetzte Fassung).

Festival: Rotterdam 1991, Figueira da Foz 1991
2015: Media Art Biennale, Wroclaw/Breslau (PL) 2015

Verleih: sixpackfilm, Wien (DCP)

Advertisements