Eroticon sublim

1968
3 Min., Farbe, stumm

In den Zeiten des Zelluloidfilms wurden 16mm und 35mm Rotfilm-Rollen hergestellt und verkauft, die dazu dienten, ein Stück davon ans Ende von Filmrollen zu hängen, damit der Vorführer in Kino beim Aufmachen der Filmdose gleich sieht, ob der Film auf Anfang oder Ende gerollt ist. Das Rot entstand dadurch, wurde mir einmal erklärt, dass ein Blankfilm mit blauer Tinte eingefärbt und wie als Negativ kopiert wurde, also Rotfilm ergab.

Ich kaufte 1968 zwei 50 Meter-Rollen 16mm-Rotfilm. Davon wurden ca. 30 Meter für die erste Kopie von Eroticon verwendet. Das restliche Material blieb in einer Dose, die ich ans Österreichische Filmarchiv übergab. Die oft gespielte Kopie ist verschrammt und nicht mehr verwendbar.

Der Film, der in analytischer Sicht rein als Material behandelt wurde, schrieb ich 1968, kann ungeschnitten in jede Richtung, von vorne und rückwärts, oben und unten, oder seitenverkehrt durch den Projektor laufen, Eroticon sei der Farbe des Materials verpflichtet. Die ursprüngliche Bewegung der Farbflüssigkeit ist auf der dunkelroten Fläche als eine unbestimmte Sinneswahrnehmung spürbar, daher das sublim im Titel.

Das sehe ich heute anders. Im November 2025 konnte ich die 60 Jahre alten Rollen, die unangetastet in einer Dose noch vorhanden waren, in einer Vorführung sehen.

Das Sublime des Films liegt in der Erfahrung des Sehens einer monochromen Fläche, die alle Sinneswahrnehmung absorbiert. Es ist keine physische Fläche wie das Rot auf Bildern von Mark Rothko, die ich 2019 in KHM sehen konnte, sondern eine körperlose Lichtfläche. Beschäftigt hatte ich mich mit seiner monochromen Malerei allerdings schon mehr als 20 Jahre zuvor.

„Mark Rothkos großformatige Bilder sind darauf angelegt, dass sie aus der Nähe gesehen werden und das Blickfeld des Betrachters nicht über das Bildfeld hinausgeht. Die rechteckigen Farbflächen entwickeln ein unbestimmtes Raumfgefühl, das den Betrachter in einen meditativen Zustand versetzen soll. Im Sehen des Nicht-Wahrnehmbaren (als Raum und Gestalt) wird das Bewußtsein an einen Grenzbereich gebracht, der es auf sich selbst zurückwirft. Rothkos Bildflächen bleiben als Substanz unfassbar.“

Hans Scheugl: Das Absolute. Eine Ideengeschichte der Moderne. Wien/New York 1999, S. 340.