Nachgedanken zum 25. Dezember 1966 im Filmstudio Mathias Praml

Nachgedanken, ausgelöst durch den Katalog zur Ausstellung „Peter Weibel – Medienrebell“ (2014).

Ende 1966 war ich eine kurze Zeit lang im Filmstudio von Mathias Praml als Volontär tätig, ohne Bezahlung, wie ich annehme. 1966 war für den österreichischen Avantgardefilm ein produktives Jahr, allerdings ohne dass davon allzu viel in die Öffentlichkeit gedrungen war. Ernst Schmidt hatte in diesem Jahr seinen Prater-Film fertiggestellt und zusammen mit Bodybuilding in Mannheim, aber noch nicht in Wien gezeigt, Peter Kubelka brachte im Oktober in New York Unsere Afrikareise zur Uraufführung, Kurt Kren machte seinen letzten Mühl-Film. ich selbst hatte meinen ersten Film, Miliz in der Früh, fertig im Regal liegen.

In der November-Nummer der deutschen Zeitschrift „Film“ erschien ein Artikel von Schmidt, Weibel und mir über Kren, Kubelka und Ferry Radax, den ich Praml zeigte und der ihn  beeindruckte und den Ausschlag gab, dass er fürs Fernsehen ohne Auftrag einen Film über diese Filmbewegung drehen wollte.

Ferry Radax hatte eben erst für den österreichischen Produzenten Helmut Pfandler den NDF-Report gedreht, einen Film über den im Entstehen begriffenen Neuen Deutschen Film mit Interviews mit dessen jungen Protagonisten. Ich vermute, dass Praml den österreichischen Avantgardefilm für eine Art Nouvelle Vague hielt und etwas ähnliches wie in Deutschland glaubte entstehen zu sehen. Mit dem Film über uns wollte er sich als Produzent vorne positionieren. Dass er von den Filmen selbst kaum eine Ahnung hatte, hinderte ihn nicht daran, den 25. Dezember als Drehtag festzusetzen und mich die Filmemacher zusammentrommeln zu lassen.

Das war schwierig. Radax und Kubelka waren zerstritten, weil beide die Autorenschaft an ihrem gemeinsamen Film Mosaik im Vertrauen beanspruchten. Kubelkas Verhältnis zu Kren war damals noch einigermaßen in Ordnung, aber als künstlerisch gleichwertig sah er ihn, wie später deutlich wurde, keineswegs an. Kubelka kannte von Schmidt wahrscheinlich Steine, ich selbst war ein unbeschriebenes Blatt. Und Weibel hatte filmisch noch überhaupt nichts vorzuweisen.

Unser Anspruch, zusammen mit der ersten Generation der österreichischen Filmavantgarde aufzutreten, beruhte also auf unserem künstlerischen Anspruch, den wir zumindest theoretisch mit unserem Artikel unter Beweis gestellt hatten, und der Gewissheit, mit unseren Filmen auf eben diesem Niveau Fuß fassen zu können. Kubelka und Radax nahmen das kühl distanziert zur Kenntnis. Ob Radax je einen Film von mir sah, weiß ich nicht. Bei einem Film von Schmidt sah ich ihn den Kinosaal verlassen. Nach der Vorführung meines Films Hernals in Knokke ein Jahr später drückte Kubelka seine Zustimmung aus. Auch Bodybuilding dürfte ihm gefallen haben, als Direktor des Filmmuseums kaufte er Kopien beider Filme. Gezeigt hat er sie in Wien trotzdem nie.

Die Voraussetzungen für den Film, den Praml machen wollte, waren denkbar schlecht. Die Spannungen zwischen den Generationen und auch innerhalb der ersten Generation waren spürbar. Das einzig Gemeinsame war, dass sich alle an einem Ort befanden. Ein Monat später wäre alles schon viel leichter gewesen. Im Januar fand im Palais Palffy jene Vorstellung statt, die die zweite Generation des österreichischen Avantgardefilms bekannt machen sollte. Schmidt und ich brachten je zwei Filme zur Ur- und Erstaufführung (ich hatte inzwischen Wien 17, Schumanngasse gedreht) und Weibel erfand zwei Aktionen (Nivea und Action Lecture), die als „Film-Happenings“ und später als Expanded Cinema bezeichnet wurden. Wie lustvoll ein Gespräch mit einem Filmmacher aussehen kann, führten Weibel und ich mit unserem Interview mit Kurt Kren vor. Alles das hätte Pramls Film eine ganz andere Richtung gegeben. So aber richtete er an jeden Filmemacher stereotyp die Frage, ob er beabsichtige, Spielfilme zu drehen; entsprechend mager dürften die Gespräche im Ergebnis ausgefallen sein. Ich erinnere mich an keines.

Als ich viele Jahre später versuchte, an das Filmmaterial heranzukommen, ließ mich eine Sekretärin von Praml wissen, es existiere nicht mehr. Praml selbst war nicht zu sprechen. Ich vermute, dass er den Film nie dem Fernsehen angeboten hat, dass er das Material wahrscheinlich auch nicht geschnitten hat, mehr noch, dass er es gar nicht entwickeln und kopieren ließ. Was von diesem Tag im Dezember also bleibt, sind einige Fotos, die ich gemacht habe. Das eine Foto, auf dem wir alle zusammen zu sehen sind, ist nur deshalb zu „einem großen historischen Dokument“ geworden, wie Weibel im Katalog wiedergegeben wird, weil die Zeit und mit ihr das Vergessen der Mythenbildung, dem Happyend jeder Art von Geschichte,  willig zur Hand gehen.