Dear John

2014/15
41 Min., 24 Sek., DCP. Dear John 4

 

Premiere: 3. März 2015, Stadtkino im Künstlerhaus, Wien
Festivals 2015: Berlinale; Diagonale Graz; Asterisco Buenos Aires; L’Age d’or Brüssel

„Dear John“ ist die Anrede an einen amerikanischen Freund, mit dem sich vor 50 Jahren die Möglichkeit öffnete, aus meinem damaligen Leben auszusteigen und in Amerika ein anderes, neues Leben zu beginnen. Das entnehme ich mehr als meiner Erinnerung den Briefen, die er mir geschrieben hat und die ich vor einiger Zeit in einer Schachtel gefunden und gelesen habe. Sie zeichnen das Bild einer Konstellation in seinem wie meinem Leben, das mir mit den Jahren fremd geworden ist und mich nicht zuletzt deshalb neugierig machte.

Bei den Briefen wäre es geblieben, hätte ich im Internet nicht jenes Haus entdeckt, in dem John jetzt wohnt und mit dem sich mir auf unerwartete Weise die imaginäre, da fast vergessene Person der Vergangenheit in ein reales Bild seines gegenwärtigen Lebens verwandelte.

Diese Transformation bewegte mich dazu, den Film zu machen, allerdings ohne die Absicht, mit „Dear John“ real einen Dialog aufzunehmen .

Der unvermutete Blick auf das Haus ließ plötzlich die vergangenen 50 Jahre als Leerstelle ins Bewusstsein treten, ohne das abhanden gekommene Leben – dessen Sinnbild dieses Haus ist – nachträglich mit Inhalten füllen zu können. Nicht dass ich das gewollt hätte, die zeitliche und räumliche Distanz ist real uneinholbar.

Mit dem Film hingegen kann ich versuchen, der in den Briefen entworfenen Idee von einem anderen Leben in Amerika aus der Gegenwart und von dem Ort aus, in dem ich lebe, zu begegnen.

Hans Scheugl 2015

Ein A, unscharf auf rosa Hintergrund – ein erster Buchstabe auf einer Reise, die nicht alphabetisch zum Z geht, auch wenn viele letters vorkommen: nicht Buchstaben, sondern Briefe. Der Briefwechsel verbindet zwei Welten: ein Leben in den USA und eines in Wien. Das Zeichen mit dem A markiert ein Haus irgendwo in Amerika, das der Filmemacher Hans Scheugl mittels Google Street View gefunden hat, für ihn die unerwartete Wiederentdeckung eines fast vergessenen Freundes. Mit diesem Freund, er heißt John, hätte Scheugl vor 50 Jahren in den USA ein neues Leben anfangen können.

„Dear John“, sagt Scheugls Stimme mit schön akzentbehaftetem Englisch zu ersten Wien-Bildern: Momentaufnahmen und Beginn einer Straßenbahnfahrt in Richtung Prater. Die Kamera gleitet durch Straßen, über die immer wieder Zeilen aus Johns Briefen treiben. Spiegelungen überall. Dear John ist ein verquerer Erinnerungsfilm, eine dokumentarische Reflexions-Fantasie über eine imaginäre Existenz. Johns Stimme hat er vergessen, seinen Körper erinnert er unscharf, erzählt Scheugls Voice-Over, so unscharf wie das A zu Beginn als Zeichen für Johns heutige Existenz.
Die Idee des abhanden gekommenen Lebens rekonstruiert Scheugl poetisch mittels vielfältiger Korrespondenzen, geschriebenen und visuellen: Beiläufige Beisl-Bilder von heute zur Erzählung von Abenden im Glück der Jugend, dazwischen Johns Einladungen und Berichte von brotloser Kunst, denkwürdigen Begegnungen und seinem Schrecken über die Einberufung zur Armee am Beginn des Vietnam-Krieges, leitmotivisch der Beefcake-Kurzfilm The Cyclist and the Werewolf als Traumbild-Gegenstück zu Geisterbahnen im Prater, wo der Film am Ende wieder ein A an der Basis des Riesenrades entdeckt. Dear John beschreibt einen Kreis, der sich nicht schließen kann, weil die Distanz zwischen den zwei Leben unüberbrückbar bleibt, egal wie aufmerksam man sich aufeinander zubewegt – in jeder Hinsicht ein bewegender Film.

Christoph Huber