Claire Denis und ihr Co-Autor übertragen in ihrem Film Beau travail die Geschichte von Herman Melvilles Erzählung Billy Budd, an der er bis kurz vor seinem Tod 1891 schrieb, in die Gegenwart und von der Schifffahrt in die Fremdenlegion. Anders als der Film gibt Melville seiner Erzählung einen genauen historischen Hintergrund und macht klar, dass der Matrose Billy Budd seinen Dienst auf dem Kriegsschiff „The Undomidable“ (Die Unbezwingbare) nicht freiwillig antrat, er vielmehr dazu „gepresst“ wurde. Das Handelsschiff, auf dem er vorher war, hieß „The Right-of-man“ (Menschenrechte), wo die Mannschaft „eine einzige glückliche Familie“ bildete, während auf dem Kriegsschiff Misstrauen und Angst herrschen und der Waffenmeister Claggart eine Intrige spinnt, die dem Neuankömmling Billy das Leben kosten wird.
Melville hebt immer vom neuen Billys „vollkommen männliche Schönheit“ hervor, nennt ihn einen Apoll, einen Adonis, ein „strahlendes Gestirn“, vergleicht ihn sogar mit einer „Dorfschönen“, die unter all den anderen sofort heraussticht und anerkannt wird. Im Film wird der junge Soldat Sentain vom Kommandanten der Wüstenlegion, wie Billy Budd vom Kapitän, mit Wohlwollen und stiller Bewunderung angesehen. Dessen Adjutant, Galoup, der nie der Schönste, aber immer der Tüchtigste war, erringt die Achtung seines väterlichen Kommandanten, aber nicht die Zuneigung, die Billy und Sentain so leicht zufällt. Er ist eifersüchtig und inszeniert den Untergang des vermeintlichen Rivalen in einer Salzwüste.
Der Film verzichtet auf den psychologischen und gesellschaftlichen Hintergrund, den Melville seinen Figuren gab, um das individuelle Drama auf dem Schiff verständlich zu machen. Beau travail meint mit dem Titel das Gelingen einer Gemeinschaft, deren Ziel eine monolithische Männlichkeit ist, die nichts mit Melville, aber, sei es auch ungewollt, sehr viel mit Ernst Jünger zu tun hat, der in den 1920er Jahren ein Kriegsgeschehen herbeischrieb, das einer „überströmenden Männlichkeit“ Raum geben würde, um abseits der Zwänge der Zivilisation, wie in der damals entstehenden Fremdenlegion, ihre Freiheit zu finden (Das abenteuerliche Herz, 1929). Während sich bei Jünger die Wiedergeburt des Barbarentums aus den Tiefen des Eros gleichsam in den Blutbahnen, wenngleich wortreich vollzieht, bemüht sich der Film, ästhetisch schön, Unterwasserballette mit Messer und Duelle nackter, muskelstarker Körper, die Umarmungen zu Gewaltakten machen, als eine organische Einheit zu zeigen, vergleichbar dem Neuheldentum, das Jünger in Der Kampf als inneres Erlebnis (1922) beschrieb und begrüßte und dem kommenden Nationalsozialismus vorausschickte.
Im Film sind dieTätigkeiten der Legionäre in einer vorgeblich „postkolonialen“ Zeit nur sinnentleerte Rituale der Männlichkeit. Die Stilisierung des Militärischen in Verhalten und Uniform überträgt sich auf die Beziehung der Männer zueinander, sodass die Entpersönlichung die Figuren geschichtslos und individuell ununterscheidbar macht.
Das nahe Dorf, wo die Reklamen von Cola und Sprite die Anwesenheit der kolonialen Macht verkünden, aber nicht erklären, und das abgeschirmte und ebenso armselige Leben der Legionäre, das die Frauen von weitem beobachten, bleiben getrennte Welten. Die Frauen sehen die Männer beim Kochen, Wäschewaschen, auch Bügeln, und mit einer Geburtstagstorte mit Kerzen, als wären sie die Familie, die sie zu sein behaupten.
Nach dem Besuch der Bar des Alpes in der es recht keusch zugeht, die Soldaten den Frauen Luftküsse schicken, gehen die Männer durch eine nächtlich leere Straße, wobei sie einen der ihren auf den Schultern tragen. Auf den ersten Seiten von Billy Budd feiert Melville in der vergleichbaren Szene den ‚hübschen Matrosen‘, dessen natürliche Schönheit auf seine Kameraden wie auf die Passanten wirkt. Im Film feiert die Gruppe ohne Zeugen nicht das Wunder der zweckfreien Schönheit des Einen, sondern auf narzisstische und zugleich heroische Weise sich selbst. Die kurze unverständliche Szene erinnert an die Prozession in der Karwoche, wenn die spanische Legión den Christo de la Buena Muerte auf dem Kreuz durch Málaga trägt. Im Film ist das Opferlamm des „guten Todes“, stellvertretend für alle, ein Schwarzer. Eros wandelt sich in den antagonistischen Thanatos, dem sich die Männer verpflichtet haben, weil sie kampfbereit mit dem Eros als Sinnbild des Lebens nichts anzufangen wissen. Was Jünger zeitgleich mit der Legión verband, war die Bewunderung für Mussolini und den Nationalismus. Das ist alles nicht das Thema des Films, erklärt aber das Unbehagen, das seine vordergründige Homoerotik auslöst, weil er wie im Faschismus (ganz offensichtlich auch in der Legión) einen Eros vorführt, den er nicht meint.
La Legión: Christo de la Buena Muerte
In der letzten Einstellung des Films vollführt Galoup, schwarz gekleidet, sein schwarzes Hemd sah man ihn bügeln, in einem leeren Lokal einen wilden Tanz, der sich als ein Aufbrechen der militärischen Versteifung interpretieren lässt, die auch eine Versteifung der Gefühle mit sich brachte, eine Einsicht der Autoren, die für ihre hölzerne Figur und ihr Opfer leider zu spät kommt.
2003 2026
